Bei dieser Geschichte muss dazu gesagt werden, dass sich
hier Fantasie und Realität vermischen. Leider ist noch nicht alles fertig aber ich arbeite an
der Fertigstellung meiner Bilder des Herzens Ich sitze in der Abendsonne und genieße die kräftigen warmen
Strahlen. Auf meinem Schoss liegt ein Stapel Papier und in der Hand halte
ich einen Kugelschreiber. Vor einer Stunde noch hatte ich in der selben
Hand eine Rasierklinge gehalten und hatte sie am Fußknöchel auf die
Pulsader gedrückt. Und ich hatte gewusst, ein festes Drücken und ein
Ziehen, und auf einmal wären alle Schmerzen und Leid für immer
Vergangenheit. Alle Enttäuschungen und alle Verletzungen von Menschen,
die ich geliebt und geachtet hatte, wären vergessen. Mir war klar
gewesen, dass sich dieses Herz, das so schmerzte, sich nicht mehr erholen
konnte, weil immer wieder neue Schläge und Stiche das Innere erreichten
und mit der Zeit diese Schläge immer unmenschlicher wurden. – Hoffnung?
– Wer sollte sie mir geben? Ich war alleine, einsam im Herzen und auf einmal auch einsam um mich
herum. In meinem ganzen Leben hatte ich mich nur auf die Hilfe anderer
konzentriert und meine Mitmenschen hielten auch stets die Hände offen.
Ich gab alles und vergaß zu Nehmen. Ich hatte einfach versucht, damit zu
vergessen. Zu vergessen, was ich als Kind erleben musste und dass ich mich
weigerte, je einem Menschen davon zu erzählen. In den ganzen Jahren verdrängte
ich mein blutendes Herz und zerstörte es damit immer mehr. Aber mein Kopf
wollte nicht realisieren, was geschehen war. Jetzt war ich in dieser Klinik und fünf Herzkrampfanfälle musste ich
überleben. Mit dieser Rasierklinge wollte ich das ersehnte Ende herbeiführen.
Ich wollte den Verlust meiner Lebensaufgabe, diesen Druck im Herzen und
den körperlichen Verfall nicht mehr aushalten und akzeptieren. Ich wollte
nicht noch mehr Enttäuschungen über falsche Freunde erleben, ja, ich
wollte sterben, wenn das Herz nicht alleine stehen bleiben wollte, dann
wollte ich nachhelfen... Aber wieder einmal legte ich diese Rasierklinge zur Seite und wieder
einmal hatte ich Angst davor, Angst, durch dieses Licht zu gehen, dass ich
vor einigen Wochen bereits deutlich gesehen hatte und das mich wie magisch
anzog. Nun sitze ich hier auf dieser Bank, die Sonne strahlt mir ins Gesicht
und scheint mir sagen zu wollen: „Du hast noch ein Ziel!" – Und
ich wusste, welches Ziel dies war. Meinem Tod kann ich nicht wegrennen, aber ich kann versuchen, ihn etwas
nach hinten zu schieben um meine Gefühle und Gedanken, meine Erlebnisse
und meine Trauer aufzuschreiben, damit diejenigen, die noch übrig
geblieben sind und an mich glaubten und mich nicht enttäuschten, auch von
meinem Schmerz, meinem Zorn auf das Erlebte, meinem Versagen und von
meiner Feigheit erfahren und mit mir die schmerzenden Gedanken denken, um
verstehen zu können. Aber das Chaos meines Herzens spiegelt sich im Aufgeschriebenen wieder,
wirkt wirr und unrealistisch. – Bilder des Todes –
Bilder der Angst – Bilder des Schmerzes – Bilder des Verlustes – Ich verpacke diese Bilder in eine Geschichte, die ich vor einiger Zeit
träumte und eigentlich nie richtig deuten konnte, aber die meine inneren
Wünsche und Ängste deutlich macht. Parallelen zur Wirklichkeit sind gewollt, da alle Gedanken und
Erinnerungen sich auch so abspielten und ein Teil meines Lebens sind. Ich möchte mich nicht mehr vor den natürlichen Ängsten und der natürlichen
Scham verstecken müssen und stelle mir selber öffentlich die Frage, wie
weit Menschen gehen dürfen, dass sie durch Fingerzeig und
ungerechtfertigten Vorwürfen einen Anderen demontieren und letztendlich
zerstören können. ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ Christian stand am Fenster und schaute durch die Eisblumen, die sich
durch die Kälte am Glas gebildet hatten. Drinnen knisterte das Kaminfeuer
und verbreitete eine mollige Wärme im Wohnzimmer. Sonst war es still im ganzen Haus. Anja, seine Jugendliebe, die er
heute vor vierzehn Jahren geheiratet hatte, lag noch im Bett. Die Kinder
schliefen wohl auch noch, denn sonst wäre richtig Tumult im Haus gewesen. Es war Heiligabend und gleichzeitig der 14. Hochzeitstag. Christian blickte über die schneebedeckte Fläche hinab ins Tal.
Diesen Traum wollte er sich schon immer erfüllen. Weihnachten in den
Bergen zusammen mit Anja, Benny und Tim und natürlich der Sarah, die noch
nicht geboren war aber in drei Monaten die Familie komplett machen sollte. Heiligabend und Gedanken schossen durch seinen Kopf. Das Knistern des
Kaminfeuers verursachte so eine Behaglichkeit, in der sich alles Schöne
wieder finden ließ. Die Berge, die am anderen Ende des Tals sich wieder empor streckten,
demonstrierten die Gewalt der Natur und schienen ihre Kraft auf die
Menschen zu verteilen. Was wäre gewesen, wenn er Anja vor fünfzehn Jahren nicht kennen
gelernt hätte, damals in einem Cafe in Münchens Innenstadt? Christian
hatte damals mal wieder eine seiner Wochenendfahrten nach München
gemacht, um auszuspannen, um sich wohl zu fühlen, um in seinem geliebten
München zu sein, was er sich öfters im Jahr gönnte. Und da saß sie,
langes, blondes Haar, das kleine Stupsnäschen mit ein paar Sommersprossen
umgeben, zwei kleine Grübchen in den Wangen und eine Ausstrahlung von
Offenheit, Herzlichkeit und Fröhlichkeit, kurz, ein Traum von einem Mädchen,
dass gerade so viel hatte, wie es haben musste. Und Christian hatte seinen
ganzen Mut zusammengenommen und war selbst über sich erstaunt gewesen als
er sagte: „Welch ein Sonnenschein hier in München!" Und sie blickte zum Himmel und antwortete mit diesem bezaubernden und
magischen Lächeln, das ihre Grübchen zittern ließ: „Die Sonne scheint
doch überhaupt nicht!" Christian schmunzelte und sprach: „ Ich meinte doch den Sonnenschein
hier am Tisch, darf ich Gesellschaft leisten?" Und er setzte sich zu ihr, der erste Schritt war getan, zugegeben,
etwas plump, aber es hatte eingeschlagen und sie biss an. Die Tassen
stapelten sich langsam auf dem kleinen Bistrotisch und die Zeit verging.
Es war der Anfang einer wunderschönen Zeit, Liebe auf den ersten Blick,
klassisch, aber diese Liebe hatte jetzt bereits fünfzehn Jahre gehalten.
Gesucht und gefunden – Topf und Deckel! Und jedes Mal, wenn beide etwas
verrücktes zusammen gemacht hatten, waren sie sich einig, dass nur sie
zusammen passten. „Papa" sagte Benny und riss seinen Vater aus den Erinnerungen.
Christian drehte sich um und der Junge blinzelte noch etwas verschlafen
mit den Augen und lächelte. Ja, da waren sie, die selben Augen, die Grübchen
in den Wangen und dieses Stupsnäschen, umgeben mit ein paar
Sommersprossen. Nur hier stand nicht Anja, sondern sein zwölfjähriger
Sohn Benny. Wie sehr er ihr doch ähnlich sah... „Guten Morgen mein Junge!" Sanft strich er dem Jungen durch das
Haar. „Was macht Dein Bruder?" Das Lächeln entwich dem Gesicht des Jungen und zwei Falten wurden auf
der Stirn sichtbar. „Er hat die ganze Nacht geschnarcht wie ein
Weltmeister. Es ist gemein, warum kann ich nicht allein in dem Zimmer
bleiben? Tim kann doch auch bei Euch schlafen!" Christian lächelte und dachte daran, was Anja mit seiner eigenen
Schnarcherei durchmachen musste. „Und Du hast mit Sicherheit die ganze
Nacht kein Auge zumachen können?!" Die Ironie in seiner Stimme war
kaum zu überhören, aber der Junge fiel darauf rein. „Nein, ich lag die
ganze Nacht wach und habe die Sterne gezählt, die ich durch das Fenster
gesehen habe!" – „Soso" sagte sein Vater, „dann muss ich
wohl geträumt haben." „Warum?" „Ja, weil ich heute Nacht zwei verschiedene Schnarchstimmen aus Eurem
Zimmer gehört habe!" „Das musst Du geträumt haben!" Grimmig ging Benny in Richtung Küche. Aber bei dem Anblick der frisch
gebackenen Brötchen, dem Nutella und dem dampfenden Kakao erhellten sich
seine Gesichtszüge wieder. „Komm Papa, ein Vater-und-Sohn-Frühstück zu Weihnachten, was kann
es schöneres geben? Wie wahr, auch wenn gerade dieses Vater-und-Sohn-Frühstück oft von
dem Jungen gewünscht wurde und immer der gleiche Satz fiel: Was kann es
schöneres geben? Aber es stimmte, die beiden hatten ein sehr inniges Verhältnis. Oft saßen
sie zusammen, hatten irgendetwas zu bereden und selbst Anja hielt sich
dann stets zurück, denn sie wusste, dass diese Gespräche für die beiden
heilig waren. Wie oft kam der Junge und erzählte mal aufgeregt und mal
traurig von seinen Erlebnissen, holte sich Rat, von Mann zu Mann! Hier war
Vertrauen auf beiden Seiten und auch Christian erzählte oft von sich und
seiner Arbeit und selbst, als er sich mit Anja vor ein paar Monaten heftig
gestritten hatte, besprach er das mit dem Jungen und es schien, dass er
mit seinen zwölf Jahren bereits so erwachsen war, dass er zuhören und
auch sehr gute Ratschläge geben konnte. „Kauf ihr ein paar rote Rosen
und sag ihr, dass es Dir leid tut, das mögen Frauen", hatte er
damals gesagt und es hatte funktioniert! Jetzt saß der Junge neben ihm am Frühstückstisch, seine Lippen mit
einem Gemisch aus Nutella und Kakao verschmiert, mit seinem zerzausten und
struppigen Haar und lachte ihn an. „Benny, Du bist einfach das beste,
was ich je zustande gebracht habe", so sprach er und biss ebenfalls
herzhaft in sein Nutellabrötchen. So saßen zwei Männer am Frühstückstisch, beide mit undefinierbarem
Geschmier an den Lippen, lachend und nichts ahnend, was zur gleichen Zeit
im Obergeschoss geschah. ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ Anja streckte sich. Einmal noch umdrehen, einmal nur noch! Ihre Hand
glitt auf die linke Bettseite. Der Platz war leer! Ihr Mann, der Frühstückmacher,
er sorgte stets, dass frischer Kaffee auf dem Tisch steht, wenn sie
aufstand. Ein herrliches Gefühl, so umsorgt zu sein. Ihren Einsatz
brachte sie dann tagsüber mit Wäschewaschen, Mittagessen für die Kinder
und anderem, was halt so in einem Viereinhalbpersonenhaushalt anfällt. Leise öffnete sich die Türe und kleine, tapsende Schritte, die nicht
gehört werden sollten aber doch so unüberhörbar waren, näherten sich
dem Bett. Anja lächelte innerlich, denn sie ahnte, dass gleich Tim zu ihr
ins Bett krabbeln würde. Und schon hob sich die Bettdecke und ein achtjähriger
Junge kuschelte sich behaglich an seine Mutter. Sie nahm ihren Sohn in den
Arm und seufzte glücklich. Was hatte sie doch für ein Leben? Einen
tollen Mann, zwei liebe Kinder und das dritte war unterwegs. Glücklich
und zufrieden schloss sie die Augen, spürte den Herzschlag ihres Sohnes
und die zaghaften Bewegungen der noch ungeborenen Tochter. Benny und
Christian machten mit Sicherheit wieder ihre Männerrunde... Die Sonne strahlte durch das Fenster und gab ihre winterliche Kraft,
verstärkt durch die Isolierglasscheiben, zum Besten. So könnte man es
aushalten. Möge die Zeit doch einfach stehen bleiben! „Benny schnarcht, ich konnte nicht schlafen!" Anja hörte nicht die Anschuldigungen ihres Sohnes, sie schwelgte in Glück
und Zufriedenheit. „Mama, ich will bei Euch schlafen!" Langsam kehrte Anja wieder in die Wirklichkeit zurück. „Was hast Du gesagt, Schatz?" „Benny schnarcht so, dass ich nicht schlafen kann. Ich kann doch auch
bei Euch schlafen." „Tim, Du bist jetzt schon Acht, ein großer Junge, und der willst Du
doch auch sein! Und außerdem würde Benny Dich auslachen, wenn Du bei uns
im Bett schläfst." „Aber dann soll er aufhören zu schnarchen!" „Sag ihm das doch!" Anja drückte ihren Sohn noch etwas fester an sich, als ob sie ihn
festhalten wollte, als ob sie ihn beschützen wollte, beschützen vor
etwas, was sie nicht wusste aber was sie bedrohen könnte. Ein Knirschen schreckte beide hoch. An der Decke bildeten sich Risse
und so schnell konnten beide nicht realisieren, was geschah. Das Geräusch
von zersplitterndem Holz und dem lauten Schreien der Balken, die
nachgaben, vermischte sich mit dem Staub, dem Holz und den Steinen und all
dem, was über ihnen war und was sich nach unten bewegte und Mutter und
Sohn mit Dunkelheit und Schutt bedeckte, so schnell, dass sie noch nicht
einmal um Hilfe rufen konnten. – Die Kraft der Schneemassen hatte das
Dach des Ferienhauses zum Einsturz gebracht und das gesamte Obergeschoss
unter sich begraben. ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ Ein ohrenbetäubendes Geräusch drang in die Küche, in der Benny mit
seinem Vater saß. Staubwolken suchten sich den Weg durch die Türe um in
sekundenschnelle alles mit einer Schicht zu bedecken. „Mama! – „Anja!" – Gleichzeitig hallten die Aufschreie und
beide kämpften sich durch den Staub zur Türe und sahen nichts als einen
großen Schutthaufen im Flur, der die ganze Treppe blockierte oder besser
das, was von der Treppe übrig geblieben war. „Benny, lauf und hol Hilfe! Ich versuch rauf zu kommen!", rief
Christian und fing mit bloßen Händen an, den Schutt zu Seite zu räumen. Benny, nur mit einem Shorty bekleidet, lief barfuss hinaus durch den
Schnee. Er spürte nicht die Kälte und auch nicht, wie seine Füße blau
anliefen und sich der Schmerz wie Nadeln durch das Fußbett bohrte. Ihm
war es egal, dass sein T-Shirt voller Schnee hing, weil er mehrmals stürzte.
Er musste Hilfe holen, so schnell er konnte, und dann musste er so schnell
wie möglich wieder zurück zu seinem Vater, ihm helfen, ihn nicht alleine
zu lassen! Mama – Tim! Verzweifelt versuchte er gegen die Angst anzukämpfen! Es
war doch Weihnachten – Warum nur? Bis zum nächsten Haus waren es gut tausend Meter. Eintausend Meter!
– Er war doch der beste Läufer in der Schule! – Eintausend Meter! -
Das machte er sonst mit links! – Eintausend Meter! – Seine Füße
waren so schwer, aber die Angst trieb ihn weiter und seine Verpflichtung,
seinem Vater zu helfen, seine Familie zu retten! ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ Es dauerte über zwei Stunden, bis das erste Fahrzeug der Feuerwehr
eintraf. Christian grub immer noch und war blutig und schmutzig und war
kein bisschen weitergekommen. Rettungssanitäter mussten ihn mit Gewalt in
den Rettungswagen bringen. „Es hat keinen Wert, Herr Schuster! Lassen Sie das die Feuerwehr
machen!", versuchte einer der Sanitäter ihn zu beruhigen. Ein Polizeiauto hielt neben dem Rettungswagen und heraus sprang ein in
Decken gehüllter zwölfjähriger Junge. „Papa, was ist mit Mama und Tim?" Christian nahm seinen Sohn in den Arm, der vor Anspannung zitterte. „Ich weiß nicht – ich wollte – ich kam nicht – ich habe
versagt!" Er drückte den Jungen fest an sich, seine Hand vergrub sich im
zottigen Haar des Kindes und das erste Mal, ja das erste Mal weinte er vor
seinem Sohn. Und auch der Junge fing an zu weinen, denn jetzt durfte er,
weil es sein Vater auch tat, jetzt durfte er seine Angst endlich
rauslassen! „Sie müssen Hoffnung haben", bemerkte ein Polizist. „Die Männer
tun alles, was in ihrer Macht steht." Christian und Benny saßen fast regungslos im Rettungswagen, fest
umschlungen, sich nicht loslassend. Keiner sagte ein Wort. Der Vater
wischte mit einem Tuch die Tränen von der Wange des Kindes. Sie blickten
sich an und jeder sah in den Augen des Anderen diese entsetzliche blanke
Angst und die Frage: Leben sie noch? Es war Heiligabend, der Geburtstag eines Kindes, das die Welt retten
sollte. „Wir haben sie!" Dieser Ruf schnitt sich wie ein scharfes
Schwert durch die Geräusche und Menschenstimmen, die durch die
Bergungsarbeiten entstanden. Plötzlich verstummte alles und keiner wagte,
sich zu bewegen oder etwas zu sagen. Christian sprang auf, seinen Sohn nicht loslassend. „Was ist, was ist mit ihnen?" Er sah hoch zu den Männern, die auf dem eingestürzten Dach und auf
Leitern standen. Lieber Gott, lass sie am Leben sein, alle drei! „Was ist mit ihnen?" rief er abermals. Die Männer räumten vorsichtig Stein für Stein und Holz für Holz zur
Seite. „Wir brauchen zwei Tragen!", rief der Einsatzleiter. „Was ist mit ihnen?", schrie Christian verzweifelt, jedoch
reagierten die Einsatzkräfte nicht. Die Rettungsarbeiten schienen wie in
Zeitlupe zu geschehen und das Gefühl von Zeit vermischte sich mit der
Angst und verursachte ein chaotisches Gefühl im Herzen. Noch immer hielt
Christian seinen Sohn fest an sich gedrückt, so als wollte er allen
zeigen, dass er ihn nie mehr loslassen würde. Als die Tragen endlich den Boden erreichten, waren sie sofort von
etlichen Sanitätern und zwei Notärzten umringt. Der Vater stand hilflos mit seinem Sohn im Arm daneben. Nein, er konnte
nichts tun, er betete leise vor sich hin und spürte, wie sich die Hände
seines Sohnes in sein Fleisch krallten. Zwei Menschen, die stumm das
gleiche dachten, das gleiche hofften und vor dem Gleichen Angst hatten. ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ Es war der zwölfte August. Ein heißer Ferientag und Bennys
dreizehnter Geburtstag. Der Junge stand stumm neben seinem Vater vor einem
Grabstein. Eine Sonne war darauf eingemeißelt und daneben stand mit
geschwungenen Buchstaben: Hier schlafen Anja Schuster, Tim Schuster und
Sarah Schuster. „Ich hab Euch lieb", flüsterte der Junge und strich mit seiner
Hand über die Sonne und die Buchstaben. Er wollte an seinem Geburtstag
bei seiner Mutter und seinem Bruder sein und wollte bei seiner Schwester
sein, die er nie kennen lernen durfte. „Ich feiere heute Nachmittag mit meinen Freunden im Garten.
Hoffentlich geht es Euch gut." Zwei, drei Tränen rollten über die Wangen eines schon großen Jungen.
Sein Vater stand zitternd daneben und starrte auf die Buchstaben, die zu
tanzen begannen und in den feuchten Augen zu Farbklecksen wurden. Über acht Monate war es nun her, als das Unglück geschah. In dieser
Zeit hatten sich Vater und Sohn stets gegenseitig versucht zu unterstützen.
Es war beeindruckend, wie der Junge damit klar kam und wie ernst er seine
Aufgabe wahrnahm, seinem Vater zur Seite zu stehen und sich nicht nur
selbst trösten zu lassen. Der Junge suchte die Hand seines Vaters und drückte sie fest, eine
stumme Aussage, dass er nicht alleine war. Die Welt um sie herum tauchte sich plötzlich in Nebel, fing an
unwirklich zu werden und ein Sog aus tausend Sonnenstrahlen, die vom
Grabstein gespeist wurden, wirbelte Vater und Sohn kreisend um die eigene
Achse, immer schneller und schneller, bis sie das Bewusstsein verloren und
nichts mehr um sich herum wahrnahmen und nicht merkten, wie eine
unsichtbare Kraft sie fort trug, durch die Wolken ins freie Universum, in
Lichtgeschwindigkeit weg von diesem Ort, weg von allem Irdischen, fort in
eine andere Welt, in eine neue Welt... ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
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